Ort der Haft – Ort des Erinnerns – Ort des Lernens
Max Brudner wurde 1938 als „politisch unzuverlässiger Jude“ ohne Gerichtsurteil im Kaßberg‑Gefängnis inhaftiert, bevor ihn die Gestapo in mehrere Konzentrationslager verschleppte. Er überlebte, sprach jedoch kaum über diese Zeit. Mit der Eröffnung des Gefängnisses als Gedenkstätte hat sein Sohn diese Aufgabe übernommen und seine Geschichte öffentlich gemacht.
Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis, Chemnitz
Das 1878 eröffnete Kaßberg-Gefängnis wurde während der NS-Zeit von 1933 bis 1945 als Untersuchungs- und Strafgefängnis genutzt. Hier saßen vor allem politische Gegner des NS-Regimes ein, darunter Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen und Menschen aus Widerstandsgruppen. Auch Jüdinnen und Juden sowie andere Verfolgte wurden hier inhaftiert und von der Gestapo verhört. Von hier aus wurden Gefangene in Konzentrationslager oder andere Haftstätten weitertransportiert.
Der heutige Lern- und Gedenkort macht die unterschiedlichen Schichten der Geschichte anhand von Biografien ehemaliger Gefangener sichtbar. Für die Bildungsarbeit bietet der authentische Ort die Möglichkeit, individuelle Verfolgungsgeschichten mit der Geschichte des NS-Terrors in Chemnitz und der Frage nach Handlungsspielräumen und Widerstand zu verbinden.
Um die Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen zu begreifen, muss man nicht nur in fernab gelegene KZ-Gedenkstätten fahren. Auch in unseren Regionen gab es zahlreiche Orte des Unrechts – viele von ihnen heute unsichtbar oder in Vergessenheit geraten. Lokale Initiativen und Vereine haben einige dieser Orte erforscht, in den letzten Jaren neue Lernorte geschaffen und erzählen ihre Geschichte(n). Unsere eintägigen Bildungsfahrten 2026 laden dazu ein, gemeinsam mit den engagierten Akteur*innen dieser Vereine und Initiativen diese Orte kennenzulernen und Impulse für die Arbeit mit Jugendlichen mitzunehmen. Die Fahrten bieten kein fertiges Konzept für Bildungsarbeit, sondern eröffnen Perspektiven: Sie schärfen den Blick für NS-Orte „vor der eigenen Haustür“ und ermutigen dazu, historische Bildungsarbeit lokal zu verankern. So können Gedenkstättenfahrten eine neue Bedeutung gewinnen.
Warum teilnehmen?
Der Besuch soll diesen Ort als möglichen Lernort mit seinen historischen Zusammenhängen erfahrbar machen und Impulse für die Arbeit mit Jugendlichen geben.
Was ist geplant?
* Kennenlernen der Geschichte und Rolle des Gefängnisses während der NS-Zeit
* Auseinandersetzung mit den verschiedenen Opfergruppen in der NS-Zeit
* Bildungsarbeit heute
* Gespräch mit Hermann Brudner, Sohn von Max Brudner
Zielgruppe: Multiplikator*innen und Interessent*innen der (Bildungs)-Arbeit mit Jugendlichen aus Sachsen
Zeitenblicke-Bildungsfahrten 2026
Datum: 11. September 2026
online Vorbereitung: 07.09.2026 / 18:30 - ca. 20:00 Uhr
Unsere Reise führt uns zum ehemaligen Frauen-Außenlager Penig und fragt, was dieser Ort heute für unsere Erinnerungs- und Bildungsarbeit bedeuten kann. Die Bürgerinitiative Gesicht zeigen – Netzwerk für demokratisches Handeln lädt ein, diesen Ort kennenzulernen und Impulse für die Arbeit mit Jugendlichen mitzunehmen. Der Verein engagiert sich seit 2015 für die Aufarbeitung dieses Lagers. Wir erhalten einen tiefen Einblick in die Geschichte des Frauen-Außenlagers Penig, die Lebenswege seiner Insassinnen und das Ende dieses Ortes nationalsozialistischer Gewalt.
Datum: 22. Juni 2026
In Terezín/Theresienstadt begegnen wir der Geschichte der europäischen Juden, die dort als Zwischenstation der Deportation auf dem Weg in die Vernichtung festgehalten wurden – darunter auch Menschen aus dem Erzgebirge, dem Vogtland, Zwickau und Chemnitz. Junge Menschen aus Deutschland (ASF) und Österreich (Gedenkdienst) absolvieren seit über 30 Jahren ein einjähriges Freiwilligenjahr an der Gedenkstätte Theresienstadt und vermitteln die Geschichte engagiert, verständlich und altersgerecht.
Datum: 28. August 2026
Wir besuchen den Ausgangspunkt des Todesmarsches, das KZ-Außenlager Mülsen St. Micheln, und folgen einigen Etappen in den Gemeinden Hartenstein, Schlema, Schneeberg, Zschorlau und Eibenstock, wo die Häftlinge einen Zug zum KZ-Außenlager Leitmeritz bestiegen. Dabei begleiten uns die Projektkoordinatorinnen von DenkMal der KGE Erzgebirge e. V., Aue-Bad Schlema & Alter Gasometer e. V., Zwickau. Sie haben in den letzten Jahren mit Jugendlichen u. a. Gedenktafeln entlang der Strecke gestaltet.
Datum: 26. September 2026
Seit 2021 sensibilisiert der Lernort Unantastbar Mensch für die NS-Geschichte des heutigen Rehabilitationszentrums für Blinde und Sehbehinderte und entwickelt u. a. inklusive Bildungsprogramme rund um das Denkmal zum „GEDENKEN“ an die Opfer der „Euthanasie“. Gemeinsam mit Vertreterinnen der Bildungsabteilung und des Projekts zum Gedenken an die Opfer der „Euthanasie“ lernen wir die Geschichte der ehemaligen „Königlich-Sächsischen Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige“ kennen, eine der Einrichtungen, die während der NS-Zeit Menschen vorwiegend mit geistiger Behinderung oder psychischer Krankheit in die sächsische Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein „verlegte“.
Datum: 6. November 2026
Das ehemalige Kaßberg-Gefängnis war ein zentraler Ort politischer Haft – in der Zeit des Nationalsozialismus für Angehörige verschiedener Verfolgtengruppen, Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden und Widerstandskämpfer, und später in der DDR als Abwicklungsort des Häftlingsfreikaufs. Der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e. V. setzte sich seit 2010 für den Erhalt des Gebäudekomplexes ein und erkämpfte die Errichtung einer Gedenkstätte mit einer Bildungsabteilung. Während unseres Besuches werden wir voraussichtlich auch mit dem Sohn von Max Brudner sprechen können.