Projektjournal

Vergessene Nachbarn. Jugendliche erforschen Lebensgeschichten in ihrer Region
7. April 2026: Workshop mit Jugendlichen im Meisterhaus in Annaberg-Buchholz
  • Einführung in das Thema Nationalsozialismus 1933 – 1945
  • Workshop zum Schicksal von Annaberger Jüdinnen und Juden unter Verwendung von verschiedenen Dokumenten: Ruth Margarete Karger und Familie, Hans Kaplan, Max Schmoll und Bernardo Grosser (weitere Infos zu den Personen unter Infothek/Karte)
10. April 2026: Bildungsfahrt zur Gedenkstätte Kaßberggefängnis in Chemnitz
  • Führung durch die Gedenkstätte zum Thema Nationalsozialismus
  • Workshop zur Erarbeitung von Biografien von: Jankel Rotstein und Max Brudner
  • Gespräch mit Hermann Brudner über die Lebensgeschichte seines Vaters

Ja, Andrei Iwanowitsch. Ein Buchenwald-Überlebender erzählt

27. April 2026: Film und Zeitzeugengespräch in der Alten Brauerei in Annaberg-Buchholz
Andrei Iwanowitsch Moiseenko aus Minsk, Belarus war wie jedes Jahr anlässlich des Gedenkens an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 2026 in Weimar. Kurz vor seinem 100. Geburtstag am 1. Mai 2026 sprach er u. a. mit Jugendlichen aus Annaberg-Buchholz und Umgebung über sein Leben. Dabi ging es in erster Linie über seine Zeit in Deutschland von 1943 bis 1945 als Zwangsarbeiter bei der HASAG in Leipzig und als Häftling im KZ Buchenwald. Zu Beginn der Gesprächsrunde wurde der Dokumentarfilm „Ja, Andrei Iwanowitsch“ (2018) von Hannes Farlock gezeigt.
Zur Veranstaltung kamen ca. 120 Jugendliche und interessierte pädagogische Fachkräfte. Ein Jugendlicher hatte sogar das Gespräch gestreamt, so dass all diejenigen, die einfach keinen Platz mehr in der Alten Brauerei fanden, zu Hause an ihren Bildschirmen teilnehmen konnten. Sowohl im Saal als auch an den Bildschirmen gab es viele Fragen – Fragen zu seinen Geschwistern, zum Alltag und zu Freunden im KZ, zu seinem Lebensmut. Trotz aller Brüche blieb sein Glaube an das Gute im Menschen erhalten – ein Vermächtnis, das weit über seine persönliche Geschichte hinausreicht.
Es war vermutlich eine der letzten Gelegenheiten, einen Menschen wie Andrei Iwanowitsch Moiseenko persönlich zu begegnen, seine Geschichte aus erster Hand zu hören und Fragen an ihn zu stellen. Dem Großteil der Teilnehmenden war dies eine ganz besondere Begegnung.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

8. Mai 2026: Eröffnung des „Weges der Erinnerung“ in Chemnitz-Altendorf
Das Datum für die Eröffnung des „Weges der Erinnerung“ auf dem Gelände der SFZ Förderzentrum gGmbH wurde bewusst gewählt: Der 8. Mai 1945 markiert das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und den Tag der Befreiung. Für viele Menschen kam diese Befreiung jedoch zu spät – auch für jene Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen, die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen wurden.
Bereits am Eingang des Geländes begegnet den Besucherinnen das Denkmal der „Grauen Busse“. Es erinnert an die Transporte von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in die nationalsozialistischen Tötungsanstalten. In genau solchen Bussen wurden in den Jahren 1940 und 1941 von hier aus 261 Kinder und Jugendliche sowie 134 Patientinnen aus Leipzig-Dösen über Zwischenstationen in die Tötungsanstalt Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein deportiert und ermordet. Pirna-Sonnenstein war eine von sechs zentralen Tötungsanstalten im Deutschen Reich.
Auf dem Weg zum Gedenkort „Unantastbar Mensch“, der bereits seit 2007 besteht, stehen rechts und links 395 Tafeln mit Namen sowie Geburts- und Sterbedaten der Ermordeten – sowohl für sehende als auch für blinde Menschen lesbar. Das jüngste Opfer war zwei Jahre alt, das älteste über 80 Jahre. Der neu eröffnete Gedenkpfad ergänzt diesen Ort des Erinnerns um zehn Stelen. Auf ihnen erzählen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, die heute auf dem Gelände lernen und leben, die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive.
Ein besonderer Moment der Eröffnung war der Beitrag von Michael Welsch. Zu Beginn stellte er sich den Teilnehmenden vor, indem er sein äußeres Erscheinungsbild beschrieb – für sehende Gäste möglicherweise ungewohnt, für blinde Teilnehmende jedoch ein selbstverständlicher Akt der Barrierefreiheit und des Respekts. In seiner Ansprache betonte er die Bedeutung des Erinnerungsortes als Mahnung für die Gegenwart: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Ort werfe nicht nur Fragen zur Geschichte auf, sondern auch zu unserer heutigen Gesellschaft: Wie sichern wir Teilhabe? Wo beginnt Ausgrenzung?
Auch Vertreter*innen der SFZ Förderzentrum gGmbH richteten einen eindringlichen Appell an die Gäste: Viele Menschen sollten erfahren, dass es in Chemnitz-Altendorf einen Ort gibt, der an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen erinnert.
Ein weiterer Schritt ist bereits geplant: Das SFZ setzt sich dafür ein, dass das Denkmal der „Grauen Busse“ dauerhaft an diesem Ort verbleiben kann. Dazu sollen Gespräche mit den Künstlern sowie der Stadt Chemnitz geführt werden.