Spurensuche in Theresienstadt mit Jugendlichen aus Marienberg und Umgebung (2025)


Und was hat das mit mir zu tun? Lokale Spurensuche in Annaberg-Buchholz und in Terezín

Was hat ein Ort wie Terezín in Tschechien mit der Heimatregion zu tun? Jugendliche begaben sich auf die Spuren zweier aus Annaberg stammender Juden, die in einem der letzten Deportationszüge aus Chemnitz nach Theresienstadt gebracht wurden. Sie werteten Dokumente aus verschiedenen Archiven aus, um mehr über das Schicksal der beiden Männer und ihrer Familien zu erfahren. Unterstützt wurden sie dabei von ASF-Freiwilligen der Gedenkstätte Theresienstadt, die historische Hintergründe vermittelten und ihnen jene Orte in Terezín zeigten, an denen die beiden Männer interniert gewesen waren.

Historischer Hintergrund

Theresienstadt steht für Täuschung, Leid und Vernichtung im Nationalsozialismus und ist bis heute ein verstörender Ort. Zwischen 1941 und 1945 wurden mehr als 140.000 Jüdinnen und Juden, darunter 15.000 Kinder, in das Ghetto und Durchgangslager deportiert – auch Menschen aus dem Erzgebirge.

Themenschwerpunkte

• Nationalsozialismus und Holocaust
• Deportation jüdischer Menschen aus dem Erzgebirge

Projektaktivitäten

• Bildungsfahrt zur Gedenkstätte Theresienstadt/Terezín
• Workshops zu Biografien, Quellenarbeit 

Organisator*in

Sozialarbeiter*innen der Diakonie Marienberg e. V.

Ergebnisse

• Gedichte und erzählerische Texte
• Zeichnungen 

Partner*innen

Freiwilligenbüro der Gedenkstätte Theresienstadt/Terezín • Brücke|Most-Stiftung Dresden

Geschichte

geschrieben von Marlon (12 Jahre), die uns allen Motivation sei, mit der wichtigen Erinnerungsarbeit weiterzumachen.

„Nachdenklich ging er durch das Museum in Terezin, schaute sich um auf die unzähligen Namen verstorbener Kinder. Nur seiner war nicht da. Er hatte überlebt. Er schaute sich die ausgestellten Bilder an, gemalt von Kindern. Unter viel zu vielen stand Auschwitz – was bedeutete, dass sie in diesem schrecklichen Ort ihr Leben lassen mussten. David fühlte sich zurückgesetzt. Er sah seinen Freund – einer von vielen Namen auf der Tafel der Toten. Er bekam Flashbacks …

Er wachte auf in einem Bett, in das er kaum reinpasste. Er spürte kleine Tiere oder so etwas auf seiner Haut – ein ekliges Gefühl. Er schaute nach rechts und sah seinen Freund Jeremy im Bett auf der anderen Seite liegen. Heute sollte Jeremy nach Auschwitz gebracht werden. Jeremy freute sich. „Endlich raus hier, in ein besseres Leben,“ sagte er voller Freude. Doch David hatte kein gutes Gefühl. Aber wie auch immer – er hatte ja keine Wahl. Er musste Jeremy gehen lassen.

Er stieg aus seinem Bett und lief in den Innenhof. Dort standen eng an eng Juden und andere Leute. Er selbst war kein Jude. Er war sogar christlich, aber er entsprach einfach nicht den Vorstellungen der Leute, die ihn hier festhielten. Er bahnte sich den Weg vorbei an Wachleuten und Juden. Er wollte sich auf den Weg machen und am illegalen Unterricht teilnehmen. Doch bevor er da war, sah er auf dem Weg vor sich einen kleinen Jungen, vielleicht so 7 Jahre alt.

Er wurde geschlagen von einem der Wachen. „Du dreckiges Judenschwein! Hast du mich gerade dumm angeschaut? Du bist es nicht würdig!“ sagte der Wachmann und schlug mit voller Wucht auf die Nase des Jungen. Er blutete im Gesicht, doch der Wachmann hörte nicht auf, bis der Junge seine Augen schloss.

Er war tot – dachte David. Er war tot. David rannte hin, aber traute sich nicht zu schauen. Zu stark war die Angst, in das zerschlagene Gesicht des Jungen zu sehen – oder dass der Wachmann auch sein Gesicht wie ein Schiff an einem Felsen zerschmettern würde. Also rannte David weg.

Es war nun Mittag – Zeit, sich von seinem Freund Jeremy zu verabschieden. Sie umarmten sich ein letztes Mal, bevor Jeremy weggebracht wurde. David rechnete nicht damit, ihn je wiederzusehen. Nie waren Leute, die weggebracht wurden, wieder zurückgekommen – unter ihnen auch seine Eltern, seine geliebten Eltern. Lange hatte er sie nicht mehr gesehen. Er träumte viel von ihnen – Erinnerungen an die Zeit, als er mit ihnen gespielt hatte, als er das Gefühl von Freude noch kannte. Er hatte es lange nicht gespürt.

Er fragte sich: Wo ist die Hoffnung hin? Ich habe sie lange nicht gesehen.
Er dachte viel nach, schrieb und malte – und schon war es wieder Abend. Er lag in seinem Bett. Es war jede Nacht wieder schlimm, einzuschlafen. Zu sehr erinnerte er sich an den Jungen und an seinen Freund, den er nie mehr sehen würde. Schließlich schloss er die Augen.

Flashback Ende
David war wieder im Museum. Eine Gänsehaut lief ihm den Rücken runter. Damals dachte er, dass seine Eltern und Jeremy nur weggebracht worden waren – aber heute wusste er, dass sie tot waren. Tot für immer. Er konnte nicht weiter Zeit in dem Museum verbringen. Er ging – und wollte nie wieder zurück.

Anmerkung: Die Geschichte wurde inhaltlich nicht verändert, sondern lediglich sprachlich überarbeitet.

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