Vergessene Nachbarn. Jugendliche erforschen Lebensgeschichten in ihrer Region
30. Juni 2026: Workshop mit Jugendlichen im Kindertreff in Annaberg-Buchholz
Gespräch über zunehmende Entrechtung der Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich ab 1933
Lebensgeschichte des Bernardo Grosser
Quelle: Adolf Diamant „Juden in Annaberg im Erzgebirge“ Reprint, S. 70
Lebensgeschichte des Bernardo (Berl) Grosser (weitere Infos zur Person unter Infothek/Karte/Annaberg-Buchholz)
Bernardo Grosser wurde 1906 in Polen geboren und wuchs in Zwickau auf. Mit 19 Jahren zog er nach Annaberg und eröffnete u. a. eine Posamentenfabrik, in der er viele Heimarbeiterinnen beschäftigte. Bernardo war ein leidenschaftlicher Fußballer. Sowohl in Zwickau als auch in Annaberg spielte er in einem Verein, wo er zum Schluss sogar bis 1934 Vizepräsident war. Wegen der zunehmenden antisemitischen Situation in Deutschland verließ er Annaberg. Er floh zu einer seiner Schwestern in Belgien, dann weiter nach Frankreich, Italien und in die Schweiz. In Italien arbeitete er für jüdische Hilfsorganisationen und half vielen Flüchtlingen bei ihrer Ausreise. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit lag auf die Hilfe für Kinder und Jugendliche, z. B. engagierte er sich in der Villa Emma, einem wichtigen Zufluchtsort für jüdische Kinder und Jugendliche.Bernardo Grosser überlebte den Holocaust, die meisten seiner Familie in Zwickau nicht. Er kehrte nach Italien zurück und heiratete. 1972 zog er mit seiner Familie nach Jerusalem, wo er 2003 starb.
Jugendliche finden Heimatspuren in Terezín - Lernortbesuch mit Multiplikator*innen: Gedenkstätte Theresienstadt/Terezín
22. Juni.2026: Lernortfahrt für Multiplikator*innen nach Terezín
Foto: Das Gebäude ist der Ort in der damaligen Langen Gasse (am Markt), in dem Ruth Karger nach ihrer Ankunft am 29. Mai 1943 in Theresienstadt vermutlich eine Unterkunft zugewiesen wurde. Heute befindet sich dort im Erdgeschoss eine Werkstatt für Rasenmäher; von 1941 bis 1944 hatte dort unter anderem die Ghettowache ihren Sitz.
Für Jugendliche kann die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik – wie im Fall von Ruth Karger – greifbarer werden, wenn sie erfahren, dass diese Menschen in ihrer eigenen Region gelebt haben. Eine Gedenkstättenfahrt unter dem Thema „Jugendliche finden Heimatspuren in Terezín“ eröffnet daher einen wichtigen Zugang zur Geschichte. Sie ermöglicht Jugendlichen, biografische Spuren zu entdecken und historische Zusammenhänge mit ihrer eigenen Lebenswelt zu verbinden.
Eine solche Fahrt erfordert eine sorgfältige Vor- und Nachbereitung durch pädagogische Fachkräfte – sowohl inhaltlich als auch methodisch. Die Fahrt am 22. Juni 2026 diente als Vorbereitung für Fachkräfte und zeigte, welches pädagogische Potenzial in solchen Angeboten liegt, insbesondere wenn Jugendliche sich freiwillig und interessiert darauf einlassen. Im Oktober 2026 werden pädagogische Fachkräfte aus Annaberg-Buchholz im Rahmen ihres Spurensuchprojekts „Vergessene Nachbarn. Jugendliche erforschen Lebensgeschichten ihrere Region“ mit den Jugendlichen nach Terezín fahren und ihre Spurensuche zu Ruth Karger, Max Schmoll und Hanns Kaplan dort fortsetzen.
Lebensgeschichte der Ruth Margarete Karger und ihrer Familie (weitere Infos zur Person unter Infothek/Karte/Annaberg-Buchholz)
Alle Menschen, die nach Theresienstadt deportiert wurden, hatten zuvor ein Zuhause – in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern. Auch Ruth Karger verbrachte ihre Kindheit und Jugend an einem vertrauten Ort, in Annaberg. Sie wurde 1900 in eine jüdische Familie geboren und führte ein Leben, das dem heutiger Jugendlicher in vielen Aspekten ähneln mag: Sie ging zur Schule und verbrachte ihre Freizeit mit Freundinnen und Freunden. Später studierte sie, fand in Dresden eine Arbeit, engagierte sich politisch und lebte ein „ganz normales“ Leben, das von einem Tag auf den anderen ein jähes Ende fand. Dieses „ganz normale“ Leben ist kaum dokumentiert, weder mit Geschichten noch mit Fotos. Was uns bleibt, sind die Unterlagen, die ihr Schicksal in Theresienstadt dokumentieren. Ruth war eine der sehr wenigen Frauen, die in den 1920er-Jahren als Juristin arbeiten durften. 1933 wurde ihr – wie den meisten jüdischen Jurist*innen – die Zulassung entzogen, womit sie Berufsverbot erhielt. Daraufhin verließ sie Dresden und zog mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie sich wie so viele Jüdinnen und Juden aus der Provinz vermutlich ein sicheres Leben erhofften. Ihr Vater war schon frühzeitig verstorben. Ihr Bruder Karl Wilhelm, Rechtsanwalt in Chemnitz, war so wie Ruth auch Rechtsberater der „Roten Hilfe“. Er emigrierte mit seiner Frau schon 1933 nach Palästina. Ihr zweiter Bruder Ernst Wolf stellte sich als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Er wurde mehrfach inhaftiert und 1943 in Auschwitz ermordet.Ruth und ihre Mutter wurden Ende Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert. Es war der 95. Transport aus Berlin. Ruth Karger war vermutlich schwer krank, denn sie starb nur etwa einen Monat später, am 26. Juni 1943, in der ehemaligen Hohenelber Kaserne, dem Krankenhaus (E VI), im Zimmer 35 der psychiatrischen Abteilung. Als Todesursache wurde in der Todesfallanzeige Darmkatarrh vermerkt. Wenn man die Berichte über die Lebensbedingungen in Theresienstadt kennt, weiß man, dass diese Todesursache auf die extrem schlechten hygienischen Verhältnisse und die mangelhafte Ernährung zurückzuführen war. Sie war zum Zeitpunkt ihres Todes 42 Jahre alt. Ihre Mutter starb in Theresienstadt ca. 1 Jahr später.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
8. Mai 2026: Eröffnung des „Weges der Erinnerung“ in Chemnitz-Altendorf
Foto: Das Denkmal ist kreisförmig nach dem Vorbild eines griechischen Theaters angelegt und durch einen Stahltunnel zugänglich. Im Zentrum liegt eine ausgediente Abrisskugel als Symbol des „Kometen des Erinnerns“. Es wurde 2007 auf dem historischen Anstaltsfriedhof in Chemnitz-Altendorf in Zusammenarbeit mit Chemnitzer Künstlern eingeweiht.
Das Datum für die Eröffnung des „Weges der Erinnerung“ auf dem Gelände der SFZ Förderzentrum gGmbH wurde bewusst gewählt: Der 8. Mai 1945 markiert das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und den Tag der Befreiung. Für viele Menschen kam diese Befreiung jedoch zu spät – auch für jene Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen, die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen wurden.
Bereits am Eingang des Geländes begegnet den Besucherinnen das Denkmal der „Grauen Busse“. Es erinnert an die Transporte von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in die nationalsozialistischen Tötungsanstalten. In genau solchen Bussen wurden in den Jahren 1940 und 1941 von hier aus 261 Kinder und Jugendliche sowie 134 Patientinnen aus Leipzig-Dösen über Zwischenstationen in die Tötungsanstalt Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein deportiert und ermordet. Pirna-Sonnenstein war eine von sechs zentralen Tötungsanstalten im Deutschen Reich.
Auf dem Weg zum Gedenkort „Unantastbar Mensch“, der bereits seit 2007 besteht, stehen rechts und links 395 Tafeln mit Namen sowie Geburts- und Sterbedaten der Ermordeten – sowohl für sehende als auch für blinde Menschen lesbar. Das jüngste Opfer war zwei Jahre alt, das älteste über 80 Jahre. Der neu eröffnete Gedenkpfad ergänzt diesen Ort des Erinnerns um zehn Stelen. Auf ihnen erzählen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, die heute auf dem Gelände lernen und leben, die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive.
Ein besonderer Moment der Eröffnung war der Beitrag von Michael Welsch. Zu Beginn stellte er sich den Teilnehmenden vor, indem er sein äußeres Erscheinungsbild beschrieb – für sehende Gäste möglicherweise ungewohnt, für blinde Teilnehmende jedoch ein selbstverständlicher Akt der Barrierefreiheit und des Respekts. In seiner Ansprache betonte er die Bedeutung des Erinnerungsortes als Mahnung für die Gegenwart: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Ort werfe nicht nur Fragen zur Geschichte auf, sondern auch zu unserer heutigen Gesellschaft: Wie sichern wir Teilhabe? Wo beginnt Ausgrenzung?
Auch Vertreter*innen der SFZ Förderzentrum gGmbH richteten einen eindringlichen Appell an die Gäste: Viele Menschen sollten erfahren, dass es in Chemnitz-Altendorf einen Ort gibt, der an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen erinnert.
Ein weiterer Schritt ist bereits geplant: Das SFZ setzt sich dafür ein, dass das Denkmal der „Grauen Busse“ dauerhaft an diesem Ort verbleiben kann. Dazu sollen Gespräche mit den Künstlern sowie der Stadt Chemnitz geführt werden.
Ja, Andrei Iwanowitsch. Ein Buchenwald-Überlebender erzählt
27. April 2026: Film und Zeitzeugengespräch in der Alten Brauerei in Annaberg-Buchholz
Foto: Abschiedsfoto mit Stephanie Hübschmann, der Organisatorin der Veranstaltung, vor der Alten Brauerei
Andrei Iwanowitsch Moiseenko aus Minsk, Belarus war wie jedes Jahr anlässlich des Gedenkens an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 2026 in Weimar. Kurz vor seinem 100. Geburtstag am 1. Mai 2026 sprach er u. a. mit Jugendlichen aus Annaberg-Buchholz und Umgebung über sein Leben. Zu Beginn der Gesprächsrunde wurde der Dokumentarfilm „Ja, Andrei Iwanowitsch“ (2018) von Hannes Farlock gezeigt.
Zur Veranstaltung kamen ca. 120 Jugendliche und interessierte pädagogische Fachkräfte. Ein Jugendlicher hatte sogar das Gespräch gestreamt, so dass all diejenigen, die einfach keinen Platz mehr in der Alten Brauerei fanden, zu Hause an ihren Bildschirmen teilnehmen konnten. Sowohl im Saal als auch an den Bildschirmen gab es viele Fragen – Fragen zu seinen Geschwistern, zum Alltag und zu Freunden im KZ, zu seinem Lebensmut. Trotz aller Brüche blieb sein Glaube an das Gute im Menschen erhalten – ein Vermächtnis, das weit über seine persönliche Geschichte hinausreicht.
Es war vermutlich eine der letzten Gelegenheiten, einen Menschen wie Andrei Iwanowitsch Moiseenko persönlich zu begegnen, seine Geschichte aus erster Hand zu hören und Fragen an ihn zu stellen. Dem Großteil der Teilnehmenden war dies eine ganz besondere Begegnung.
Lebensgeschichte des Andrei Iwanowitsch Moiseenko
Andrei Iwanowitsch Moiseenko wurde 1926 in einem kleinen Dorf in der Ukraine nahe der belarussischen Grenze geboren. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg in die Rote Armee eingezogen wurde, legten die Behörden den 1. Mai 1926 als offizielles Geburtsdatum fest – ein Datum, das bis heute Bestand hat.
1942 wurde der damals 15-Jährige von den deutschen Besatzern zur Zwangsarbeit nach Leipzig verschleppt. Er musste für die HASAG (Hugo Schneider AG) arbeiten, einen der größten deutschen Rüstungskonzerne der NS-Zeit. Nach einem Fluchtversuch wurde er verhaftet und zunächst in ein Gestapo-Gefängnis in Leipzig gebracht. Tagsüber musste er auf Bauernhöfen Zwangsarbeit leisten, nachts kehrte er ins Gefängnis zurück. Ohne Anklage oder Erklärung wurde er später in ein Gefängnis nach Halle verlegt und von dort in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert.
Von Mai 1944 bis April 1945 war Andrei Iwanowitsch Häftling im KZ Buchenwald. Seine Häftlingsnummer lautete 19852. Kurz vor Kriegsende wurde er mit Tausenden anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch in Richtung Dessau getrieben. Am 14. April 1945 wurde die Kolonne – nur wenige Kilometer von einem vorgesehenen Erschießungsort entfernt – von Soldaten der 104. US-Infanteriedivision befreit. Das Konzentrationslager Buchenwald selbst war bereits am 11. April 1945 befreit worden.
Wie viele befreite sowjetische Häftlinge geriet Andrei anschließend erneut unter den Verdacht der eigenen Behörden. Nach der Übergabe an die Sowjetunion wurde er verhört, jedoch nicht als Kollaborateur verfolgt, sondern unmittelbar in die Rote Armee eingezogen. Von 1945 bis 1950 diente er zunächst in Babrujsk und später in Minsk in Belarus. Nach seiner Entlassung aus dem Militär blieb er in Minsk. Er arbeitete zunächst in einem Baukombinat, holte parallel seinen Schulabschluss nach und absolvierte ein Abendstudium. Ab 1960 war er fast vierzig Jahre als Konstrukteur in einem Maschinenbaubetrieb und zuletzt als Leiter einer Abteilung des Konstruktionsbüros tätig.
In den 1980er Jahren musste Andrei Iwanowitsch schwere persönliche Schicksalsschläge verkraften: Zunächst starb seine Frau, wenig später verlor er auch einen seiner Söhne.
Bis heute lebt Andrei Iwanowitsch Moiseenko in Minsk. Seit vielen Jahren reist er regelmäßig nach Deutschland, um insbesondere jungen Menschen von seinem Leben zu erzählen – als Zeitzeuge, Mahner und Brückenbauer. Seine Botschaft ist ebenso einfach wie eindringlich: Erinnerung ist die Voraussetzung dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Vergessene Nachbarn. Jugendliche erforschen Lebensgeschichten in ihrer Region
7. April 2026: Workshop mit Jugendlichen im Meisterhaus in Annaberg-Buchholz
Einführung in das Thema Nationalsozialismus 1933 – 1945
Workshop zum Schicksal von Annaberger Jüdinnen und Juden unter Verwendung von verschiedenen Dokumenten: Ruth Margarete Karger und Familie, Hans Kaplan, Max Schmoll und Bernardo Grosser (weitere Infos zu den Personen unter Infothek/Karte)
10. April 2026: Bildungsfahrt zur Gedenkstätte Kaßberggefängnis in Chemnitz
Foto: Hermann Brudner im Eingang der Gedenkstätte
Führung durch die Gedenkstätte zum Thema Nationalsozialismus
Workshop zur Erarbeitung von Biografien von: Jankel Rotstein und Max Brudner
Gespräch mit Hermann Brudner über die Lebensgeschichte seines Vaters
Lebensgeschichte von Max Brudner
Max Brudner, 1909 in eine jüdische Familie in Wilna (Vilnius) geboren, war 1910 als Kleinkind mit seiner Familie nach Leipzig und 1914 nach Chemnitz gekommen. Als junger Mann war er als Handlungsreisender tätig, bis ihm die Nationalsozialisten 1936 das Gewerbe verboten. 1938 wurde Max Brudner, der in den 1920er-Jahren in der Sozialistischen Arbeiterjugend aktiv war, als „politisch unzuverlässiger Jude“ ohne Urteil im Kaßberg-Gefängnis inhaftiert und von dort ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. 1941 wurde er ins Konzentrationslager Groß-Rosen, 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz (Stammlager) und Monowitz (Lager Buna) verschleppt. Dort rettete er Justin Sonder, einem 1925 in Chemnitz geborenen Mithäftling das Leben.Im Zuge der Räumung des Konzentrationslagers Auschwitz wurde Max Brudner 1945 auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz und ins Lager Mittelbau-Dora geschickt. Am 2. Mai 1945 wurden Max Brudner und andere überlebende Häftlinge in der Nähe von Malchin (Mecklenburg) von alliierten Soldaten befreit. Max Brudner hatte insgesamt sechseinhalb Jahre in Haft verbracht. Seine Schwester Margarete Brudner überlebte ebenfalls, seine Mutter Rosa Brudner und sein Bruder Hermann Brudner und dessen Familie nicht. In der DDR setzte sich Max Brudner für die Erinnerung an den Holocaust ein und trat bei Prozessen gegen NS-Täter als Zeuge auf. Er verstarb 1971 in Karl-Marx-Stadt.


